Ploetzlich vernetzt

Kleiner musikalischer Tipp für diese Lektüre gefaellig?

Mein Bruder ist noch Student an der Uni gewesen, als er mir das erste Mal das Internet gezeigt hat, so etwa um das Jahr '93 plus-minus rum. Er hat da vor seinem Rechner gesessen, einem schmutzig-beigen 386er mit stolzen acht Megabytes RAM, auf dem ein vierzehn Zoll gro?er VGA-Monitor in derselben Farbe getrohnt hat. Ich weiss nicht mehr, womit ich ihn noch nerven wollte, aber als ich in sein Zimmer getreten bin, ist mir aufgefallen, wie konzentriert er da gerade in die R?hre gestarrt hat.<

Und kaum nachdem er mich bemerkt hat, winkte er mich hektisch zu sich ran und sagte so etwas wie: "Schau dir den Scheiss hier mal an! Das ist von 'nem Rechner, den ich gerade quasi angerufen hab!"

Also bin ich zu ihm herueber gewatschelt, ein bissel verwundert. Auf seiner Kiste lief gerade Mickeysofts dritter Versuch einer ulkigen Zirkusnummer ohne Netz und doppelten Boden; Kein Spektakel, das mich jetzt sonderlich beeindruckte. Aber mein Bruder insistierte, dass ich doch bitte jenem Programmfenster Aufmerksamkeit schenkte, auf das sein fettiger Zeigefinger zeigte. - Und dort hat es sich dann vor mir ausgebreitet, in seiner ganzen, grau-schwarz-weissen Pracht: Ein Haufen unformatierter Text mit zwei, drei Bildern und dem Logo seiner Universitaet. Ich hab immer noch nichts kapiert - will sagen: Es sah immer noch bemerkenswert oede aus. Von meinem erschreckend regungslosen Gesicht irritiert, bewegte mein Bruder schlie?lich die Maus und klickte auf etwas, das damals noch ganz korrekt als Hyperlink bezeichnet worden ist - Und auf wundersam traege Weise baute sich in dem Fenster ganz unerwartet etwas Neues auf: Stueck fuer St?ck, Byte fuer Byte. Winzig kleine Bilder, deren schrille Farben aus einer verkehrt konfigurierten LUT zu stammen schienen. Und wieder eine Menge Text - dieses Mal in englischer Sprache.

/p>

Mein Bruder grinste mich komplett irre an und meinte dazu: "Wir sind jetzt in den U - S - A, glaubst du das? Das da alles kommt von einer Maschine, die irgendwo in Amerika steht. Ich bin direkt mit ihr verbunden!" (Mehr oder minder direkt, Anm.d.R.)


<brAn dieser Stelle koennte ich jetzt behaupten, dass ich auf dem Bildschirm das beruehmte Kamerabild der Kaffee-Maschine im Trojan Room der Universit?t von Cambridge gesehen habe. Aber das waere gelogen, zumal Cambridge auch in England liegt und nicht den USA.

Tatsaechlich kann ich mich nur noch vage daran erinnern, was ich gesehen hab, aber es hat aus Falschfarben-Bildern und einer Menge Times New Roman bestanden, das sich mehr oder minder lose ueber das ganze Fenster ausbreitete, wie von irgendeinem Prof als Kopiervorlage zusammengetackert, um damit seine Studenten zu begluecken.

Dagegen erinnere mich noch ganz klar daran, wie dann endlich der Groschen bei mir gefallen ist und ich begriff, welcher Film hier ablief. Irgendein anderer Computer am sprichtwoertlichen Arsch der Welt/i> ist gerade dabei gewesen, Daten ueber eine tausende Kilometer lange Strippe direkt an den Computer meines aelteren Bruders zu senden. Portofrei - wenn auch nicht Gebührenfrei.

Ein ganzer Kontinent, der mir bis zu diesem Zeitpunkt noch nahezu unerreichbar erschienen ist, war pl?tzlich und unmitterlbar ganz nah. Ohne es gleich zu bemerken, spiegelte ich unvermittelt die irre Grinse meines Bruders wider und wir grinsten uns eine gute Weile voellig bekloppt an - im Lichte von dramatisch blinkenden LEDs an der Vorderseite eines Modems.

So muss es sich angef?hlt haben, als die ersten Morsezeichen ueber einen Kupferdraht geschickt worden sind und der Empfaenger sie ganz verdattert vernommen hat. So wird es sich ganz sicher noch einmal anfuehlen, sollten wir wirklich mal eine komplette Botschaft von einer Zivilisation aufschnappen, die nicht auf der Erde beheimatet ist, und welche den Weltraum womoeglich tausende oder mehr Lichtjahre durchquert hat, bis sie uns erreichte. Es ist einfach ein ganz besonderer, magischer Moment, an dem Kommunikation buchst?blich Grenzen ueberschreitet und sich eine ganz neue, voellig unvorhergesehene Welt auftut.

Allein die Idee, diese hochsensiblen, absturztraechtigen Rechenurgesteine auf solche Distanzen zu vernetzen, ist so gewagt und gewaltig gewesen, das sie ganz allein ausreichte, um sofort hundertausende Studenten und/oder Nerds in aller Welt zu fesseln. Zu dieser Zeit ist alles noch sehr, sehr viel weiter weit weg voneinander gewesen, als wir uns das heute vorstellen koennen, selbst so Orte wie Brandenburg und Bayern. Und ein ganz anderer Kontinent? Der lag quasi auf einem anderen Planeten. Zumindest fuer mich noch, und nun konnten wir mit dieser fernen Welt mit ein paar Mausklicks Kontakt aufnehmen. Konnten erfahren, was dort los ist, ohne dass es erst ueber die ueblichen Kan?le lief, bis es Tage oder gar Wochen spaeter in der Zeitung oder dem Fernsehen Erwaehnung fand. Man konnte alles gleich und sofort aus erster Hand erfahren. Eben so, als waere man selbst direkt vor Ort.

An diesem Tag im Jahre 893 des Herrn (ungef?hr), in diesem Augenblick, sind mein Bruder und ich in den USA gewesen, obwohl wir den Kontinent physisch noch nie zuvor betreten haben. Dieses beruehmt-beruechtigte, weit entfernte Land, das sich die Freiheit auf die Fahnen geschrieben hat, das aus unz?hligen Staedten mit gigantischen Wolkenkratzern und endlosen langen Highways und Strassen bestand, und uns spiessigen Krauts im Kino, wie im Fernsehen, als auch in jedem McDonalds zeigte, wo der Frosch die Locken hat und was gerade angesagt ist - wie z.B. dieses interdotcomnetorg-Dings.

Eifrig besuchten wir ueber altavista.digital.com die Hohmpaetsch von Jean Luc Picard und der NASA, gleich nach dem wir the-galactic-empire.org/STAR-WARS aufgerufen haben. Weiter gings von THE-A-TEAM.org zu darksecrets.fbi.gov/i-want-to-believe, von wo wir einen Abstecher zu Weird Gifs That Induce LSD Like Halucinations sowie
Scary Urban Legends From Hellskitchen machten. Schlie?lich fanden wir ueber america-online.com die Paetsch von COLT SEAVERS mit seinen geilsten Stunts, die uns auch freundlicherweise weiter zu der von Jody Banks fuehrte XXX-D. Falls du dir gerade die Frage stellst, warum darunter nicht eine nennenswerte deutsche Website auftaucht ...

Nunja, altaVista hat noch kein deutsch gesprochen. Und die Sache ist die gewesen, dass in Tiny-D das Ding mit dem Internet sich gerade erst unter den Unis breit machte. Davon abgesehen ist es viel spannender gewesen, die Landesgrenzen weit hinter sich zu lassen und einzutauchen in die absonderlichen Untiefen einer bekloppten Nation voller Cowboys und Indianer, die sich selbst in den Weltraum geschossen haben und auch sonst nicht scheu sind, eine Menge Laerm um sich zu machen. Und wir sind nicht enttaeuscht worden.

Wir haben uns wie Astronauten gefuehlt, so als waeren wir gerade selbst auf dem verdammten Mond gelandet, ganz und gar in Echt und in 216 Farben. Wir haben den Mondstaub praktisch gerochen. Haben die endlose Weite erblickt, die sich vor uns aufgetan hat, mit all den Sternen und Galaxien darin. Kein Scheiss. Ploetzlich ist alles greifbar geworden, ganz nah gerueckt - die ulkige Umschreibung "globales Dorf", die in der damals noch ueberaus dominanten Presse herumgegeistert ist, hat fuer mich komplett Sinn ergeben.

Wir haben ja damals mal so wirklich keine Ahnung davon gehabt, wohin das fuehren wuerde, welche Wellen das schlagen wuerde, wie das unmittelbar unser aller Leben, unsere gesamte Gesellschaft und die ganze bekackte Welt veraendern wuerde und mit welch irrwitzigen Tempo. Ich selbst bin da gerade zarte sechzehn, siebzehn Jahre alt gewesen und hab die gl?sernen Touch-Interfaces, sowie den Bordcomputer mit der huebschen Stimme auf Picards Enterprise-D noch fuer pure Science-Fiction gehalten. Wie auch noch den Gro?en Bruder von '84.


Aber mittlerweile ist das eine bloss nur noch Schnee von Vorgestern und das andere stinknormal geworden. Was hier passiert ist, hat nicht nur einfach das Telefon, die Audio-Kassette und das Programmfernsehen mehr oder minder ersetzt, sonderen uns auch radikal aus der "seligen Naivität" jener Tage gerissen und in eine ständig alternatierende Welt gestoßen, die wir quasi Tag fuer Tag schon nicht mehr wiedererkennen. Die Augenblicklichkeit des Datenaustauschs hat zu einer immensen Verdichtung unseres Lebens und allen Wissens geführt, welches jederzeit durchforstet und abgerufen werden kann und wiederum selbst ständig neues schafft - Aber auch unvorhergesehene Blasen aufspannt, die uns geradewegs in die Irre führen können. Leider verdichtet sich auch die Angst und die Ignoranz und was einstmals so süß als Global Village bezeichnet wurde, sieht nun vielmehr nach einer schier undurchdringlichen Metropole aus, die sich von Horizont bis Horizont erstreckt und deren Bezirke sich voneinander abzäunen. Teils mit Stacheldraht, Kameras und Selbstschussanlagen.

Den Geist, den wir da aus der Flasche gelassen haben, hat seinen ganz eigenen Kopf, der auch ein wenig groesser ist als unser kleiner Primatenschaedel, er ist ausgestattet mit dem geballten Wissen der ganzen Menschheit, mit all unseren Stärken und Schwächen, mit unserer arglosen Neugier, aber auch mit unserer schieren Angst vor ihm selbst. Er ist engmaschig vernetzt und wächst jede Millisekunden weiter an, während er viele von uns langsameren Fleischsäcken abhängt und hinter sich lässt wie lästige, ausgelaufene Modelle einer vergangenen, irrelevant gewordenen Ära.

Wohin uns dieser Geist fuehren wird, ist fuer uns gerade so vorhersehbar wie das Wetter fuer die uebernaechste Woche, ziemlich tagesabhaengig. Hoffen wir einfach auf das Beste, bleiben dran und versuchen, den Karren auf die richtige Schiene zu bringen. To go boldly where no man has gone before. Es bleibt uns sowieso nichts anderes uebrig, derweil können wir uns ja Praise You von Fatboy Slim auf die Kopfhörer packen.

>