Ach, wie ich die Zeiten vermisse, als Pixel noch Pixel gewesen waren und gerade nur in 16 Farben aus einer LUT dargestellt wurden. Jene Zeiten, als Nerd-Giganten sich angeschickt haben, die Welt komplett umzukrempeln - mittels der unfassbaren Power von 8 Bits. Alles schien noch so ulkig und aufregend gewesen zu sein, so beherrschbar.
Zugegeben: Ich hab noch kräftig in die Windeln geschissen, als einer dieser Giganten namens Steve Wozniak (noch vor Apple) aus logischen Bausteinen, einer Platine und einem Farbfernseher (die Dinger, die noch eine Kathodenstrahlröhre besessen haben und Elektronen auf eine Phosphorschicht schossen) einen kunterbunten Break-Out Klon gebaut hatte - ohne eine einzige Zeile Programmcode zu schreiben. Weil "Code"
hat es da einfach noch nicht gegeben, geschweige denn integrierte Schaltkreise,
deren Existenz dann erst später dazu geführt hat, so etwas wie "Hochsprachen" zu entwickeln. Sprachen, die wir Menschen einigermaßen verstehen können, um dem Computer zu sagen, was er eigentlich tun soll. Nur nicht mehr so direkt.
Jemand wie Wozniak hat noch buchstäblich in "Hardware" programmiert, etwas, was ich mir als Software-Entwickler heute nicht einmal mehr im Ansatz vorstellen kann. Die Welt, in der ich mich bewege, ist soweit weg von der Hardware, dass ihre Existenz komplett hinter'm eigenen Fokushorizont verschwindet. - Zwischen dem, was ich in den Computer hacke und dem, was am Ende auf dem 4k Display erscheint, liegen ganze Welten von Abstraktionen, die allesamt Schritt für Schritt heruntergebrochen werden, bis am Ende purer Maschinencode herauskommt, der dann dafür sorgt, dass all die bunten Pixel erzeugt werden, die du gerade bewunderst.
Das ist eine Menge Holz. Um in der Lage zu sein, dass ganz im Alleingang von bare metal Ebene aus zu realisieren, müsste ich wohl mindestens die letzten 50 Jahre technologischer Entwicklung in mehreren Fachgebieten vollständig durchdrungen und verstanden haben. Und selbst dann würde selbst die Erstellung dieser simplen HTML-Seite hier Jahre kosten - neben dem Aufbau der ganzen Infrastruktur, die nötig ist, um sie von meinem Rechner auf deinen Bildschirm zu hieven. Doch wie schon Bernhard von Chartres schrieb (so Johannes von Salisbury), "...sind wir Zwerge, die auf den Schultern von Giganten stehen", so auch ich.
(Natürlich hab ich die beiden Namen gerade aus Wikipedia gezogen.) Irgendwie schon heftig, dass das schon jemand im tiefsten Mittelalter
festgehalten hat, in Zeiten, wo Pest, Cholera und Hexenverbrennung noch Themen gewesen sind, mit denen man sich näher befassen musste. Was ein Bogen.
Ich schweife ab, ich war irgendwo bei LUTs mit 16 Farben gewesen. Als Teen hab ich aber auch schon einen Computer besessen, der es mit ein paar cleveren Tricks geschafft hat, seine ganze Palette von 4096 Farben auf dem Bildschirm zu bringen - unter schweren Anstrengungen und nur tauglich für ein paar hübsche, ziemlich statische Bilder in der Auflösung von 320 x 200/256 (NTSC/PAL) Pixeln (Commodore Amiga 500). Was war ich seinerzeit geflashed gewesen, so viele Farben! Und es hat dabei genauso beschissen ausgesehen wie VHS im Standbild. Top! - aber schlicht ein krasser Kompromiss zwischen technischer Machbarkeit und dem, was das menschliche Auge aufzulösen imstande ist.
Bis die LUTs auf den Müllhaufen der Computergeschichte landeten, sollte es eine ganze Weile dauern, man will das heute gar nicht mehr meinen, aber Speicher war eine ganze Weile lang echt teuer gewesen und das Silizium, das 3840 x 2160 x 48bit HDR bis zu 120 mal die Sekunde quasi im Halbschlaf auf das Display wirft, musste erst noch erfunden werden.
Über Jahrzehnte hinweg steigerte sich die Anzahl der Farben synchron zum verfügbaren Speicher und Silizium von mickerigen 16, zu statthaften 256, zu irren 32.768/65.536 bis schließlich zu absolut wahnsinnigen 16.777.216. - Sechzehn Millionen Farben! Wow, TRUELY TRUE COLORS - das war photoreal. Die Leute haben sich an den Monitoren die Nasen plattgedrückt, damit der Elektronenstrahl diese Pracht direkt in ihren Schädel projezieren könnte, es war einfach total dope. Wenn man noch mitbekommen hat, wie sehr sich die 8Bitter dereinst abgemüht haben, kann man bei solchen "Kleinigkeiten" an eigener Haut spüren, was Fortschritt eigentlich so bedeutet, welche Masse an Bits und Bytes da in einer Millisekunde mal eben verwurstet werden. Diese dann vom Computer auf das Display zu übertragen, ist dann auch gar nicht mal mehr so trivial wie zuvor noch, heutzutage ballert da richtig was durchs Kabel, nämlich rund 48 Gigabyte jede einzelne Sekunde (4k * 48 Bit * 120 FPS).
Moderne PCs mit 3D-Beschleunigern produzieren diese Datenmenge jede Sekunde (wenn sie die 120 FPS halten, schon klar), wobei sie eine üppige Hundertzwanzigstel Sekunde Zeit haben, in einem Frame für jeden einzelnen Pixel die 48 Bit tiefe Farbe zu berechnen - neben noch anderen Dingen, wie eine komplette 3D-Welt, die sich aus unzähligen Dreiecken zusammensetzt.
Und das macht bloß die Kiste, die ich selbst unter dem Tisch stehen hab. Stell dir jetzt mal vor, was in den Rechenzentren abgeht, die so ein Deep-Learning-Model wie GPT-4 trainieren. Dazu quasi den gesamten Inhalt des Internets nebst noch anderer Lektüre zu verwursten, erscheint dann gar nicht mehr so abwegig. - 320 x 200 x 4bit, das waren gerade mal 256.000 Bytes gewesen, aber bereits genug, um die Hälfte des Speichers meines Amiga 500 voll zu kriegen, von FPS war damals noch gar keine Rede gewesen und das Signal wurde analog im PAL-Standard auf die Glotze übertragen, über ein gammeliges Antennenkabel. Ja, Glotze, einen echten VGA-Monitor hab ich erst später beim Wechsel auf die IBM-PC Plattform gehabt. Ach, IBM-PC, wie niedlich das heute klingt.
In den letzten 50 Jahren ist aus dem vermeintlichen "Nerd-Kram", den Wozniak und Co. noch eigenhändig in der Garage zusammengelötet haben, und den so viele erst belächelt haben, etwas geworden, das längst die Welt tiefgreifend und umfassend beherrscht, und zwar auf so vielen Ebenen, dass "selbst ich, der das alles" doch recht bewusst miterlebt hat, gar nicht erfassen noch wirklich begreifen kann. Einerseits fühlt sich das nicht so lange her an, als ich noch mit Stubsnase vor einem C64 gesessen und ein paar primitive BASIC-Zeilen in den Computer reingehackt hab, andererseits kommt es mir vor, als seien seit dem glatt Tausend Jahre vergangen. Heute zeigt mir der Computer, wie ich zu programmieren habe - dank der Copilot Erweiterung in VS Code.
Only God knows wohin das noch führen wird und ich bin Atheist, verdammt nochmal. Mit Gott hat das alles so rein gar nichts zu tun, obwohl wir am Ende vielleicht einen haben werden, einfach, weil wir dabei sind, einen Geist zu rufen, den wir niemals nie mehr in die Flasche zurück bekommen werden.
Das hat Bernhard von Chartres sicher nicht vorausgesehen, auch wenn er einen hübschen Ausblick gehabt haben dürfte, auf jenen Schultern.
Gute Nacht.